Interview: Inkontinenzprodukte richtig anwenden: Experteninterview über Tabus, Würde und Alltagssicherheit

Inkontinenzprodukte richtig anwenden:  Experteninterview über Tabus, Würde und Alltagssicherheit


Inkontinenzprodukte sind für viele Menschen ein sensibles Thema. Zwischen Windel, Vorlage,  Katheter und Beutel liegt mehr als eine Produktentscheidung. Es geht um Würde, Routine und verlässliche Alltagssicherheit.
Ulrike Podzus berät seit 2001 Kundinnen und Kunden im Homecare-Bereich. Zuvor war sie zehn Jahre als examinierte Krankenschwester in Kliniken tätig. Im Interview spricht sie über Klinikalltag, Homecare und typische Anwendungsfragen rund um Inkontinenzprodukte. Ebenfalls spricht die Expertin darüber, wie Beratung Scham und Unsicherheit nehmen kann.

Zurück zur Übersicht

Über Ulrike Podzus:

Ulrike Podzus ist examinierte Krankenschwester und seit vielen Jahren in der Inkontinenzversorgung und im Homecare-Bereich tätig. Ihre staatliche Prüfung in der Krankenpflege legte sie 1990 ab. 

Anschließend arbeitete sie zehn Jahre lang in verschiedenen Kliniken und sammelte dort praktische Erfahrung im Pflegealltag.

Seit 2001 ist Ulrike Podzus bei der Firma Hauschild tätig, einem medizinischen Fachhandel für Hygieneprodukte und Homecare-Unternehmen aus Lilienthal bei Bremen. Im Außendienst berät und betreut sie Kundinnen und Kunden, hält Präsentationen und führt Schulungen durch.

Zusätzlich absolvierte sie von 2012 bis 2015 berufsbegleitend an der Wannsee-Akademie in Berlin eine Weiterbildung zur Pflege-Expertin für Stoma, Kontinenz und Wunde. Ihre langjährige Praxiserfahrung verbindet sie heute mit fundiertem Fachwissen rund um Kontinenzversorgung, Inkontinenzprodukte und individuelle Beratung im Homecare-Bereich.

1. Welche Erfahrungen aus dem Klinikalltag helfen Ihnen heute besonders bei der Beratung über Inkontinenzprodukte?

Ulrike Podzus:
Mein 10 Jahre andauernder Klinikalltag liegt mittlerweile rund 25 Jahre zurück. Damals war Inkontinenz in den Kliniken eher ein „stiefmütterliches Thema“, das man so nebenbei behandelt hat.

Im Klinikalltag gab es in der Versorgung mit aufsaugenden Inkontinenzprodukten weniger Berührungspunkte. Anders bei ableitenden Hilfsmittelversorgung mit Dauerkatheter, diese wurden oftmals in Zusammenhang der Diagnostik oder bei längeren OP gelegt. Die Katheter wurden nach der Klinikentlassung meist zügig wieder gezogen. Auch Einmalkatheterismus spielte bei postoperativem Harnverhalt eine Rolle. Im Homecare-Bereich gibt es eher mal Kundinnen und Kunden, die ableitende Inkontinenzprodukte (bezogen auf ISK) händeln. Im vollstationären Segment findet Einmalkatheterismus beziehungsweise ISK jedoch kaum statt.

2. Inkontinenzprodukte: Bei aufsaugender Inkontinenz war die Versorgung früher sehr begrenzt.

In der Klinik gab es, soweit ich mich erinnere, vielleicht zwei Produkte: eine Vorlage und ein geschlossenes System in Größe L und M. Eine patientenindividuelle Beratung war das nicht.

3. Seit 2001 beraten Sie im Außendienst Kundinnen und Kunden im Homecare-Bereich. Was unterscheidet die Versorgung zu Hause von der Versorgung in einer Klinik?

Ulrike Podzus:
Das kann man, glaube ich, schon mit einem Wort beantworten: die Kosten. Im Homecare-Bereich gibt es für aufsaugende und teilweise auch bei der ableitenden Inkontinenz Pauschalen. Das Budget für die Inkontinenzprodukte ist durch die Krankenkassen gedeckelt.

Im Krankenhaus wird natürlich auch wirtschaftlich gearbeitet, aber unter anderen Voraussetzungen. Im Homecare-Bereich müssen wir schauen, dass eine medizinisch notwendige Versorgung annähernd der Krankenkassenpauschale entspricht. Gerade bei höheren Anforderungen kommt man damit nicht immer hin. Klinik und Homecare sind deshalb kaum zu vergleichen.

4. Sie halten auch Schulungen und Präsentationen. Welche Wissenslücken in puncto Inkontinenzprodukte begegnen Ihnen bei Pflegekräften oder Angehörigen im Umgang besonders häufig?

Ulrike Podzus:
Hier muss man zwischen Pflegefachkräften und Angehörigen unterscheiden. Pflegefachkräfte bringen durch ihre Ausbildung in der Regel andere Vorkenntnisse für Inkontinenzprodukte mit. Angehörige oder Betroffene haben häufig vorher gar keine Berührungspunkte gehabt. Da beginnt die Beratung über Inkontinenzprodukte oft ganz grundsätzlich: Welche Produkte gibt es überhaupt? Wie werden die Inkontinenzprodukte angewendet? Was passt zur jeweiligen Situation?

Bei Pflegekräften geht es in Schulungen häufig um die richtige Anwendung und darum, Inkontinenzprodukte korrekt einzusetzen. Bei aufsaugenden Produkten ist zum Beispiel wichtig, dass sie entsprechend ihrer Saugleistung genutzt und nicht zu früh gewechselt werden. Außerdem ist die richtige Anlegetechnik ein wiederkehrendes Thema.

Für ableitende Inkontinenzprodukte gilt: Die Beratung ist sehr individuell. Dazu gehört neben Urinalkondomen, Dauerkathetern und der Beutelversorgung auch ISK beziehungsweise der intermittierende Katheterismus.

Wenn es zum Beispiel um ein Urinalkondom geht, muss zunächst die passende Größe mit einer Schablone ermittelt werden. Außerdem spielt eine Rolle, ob die betroffene Person mobil oder immobil ist und ob ein Beinbeutel oder Bettbeutel besser geeignet ist. Diese Beratung findet eher telefonisch oder im persönlichen Austausch statt.

5. Inkontinenzprodukte richtige Anwendung: Welche Fehler passieren in der häuslichen oder stationären Pflege am häufigsten?

Ulrike Podzus:
Ein häufiger Punkt ist die Anwendung der Inkontinenzprodukte selbst. Sie müssen richtig eingesetzt werden, damit sie auch funktionieren. Bei Urinalkondomen kommt es zum Beispiel sehr auf die passende Größe und die körperlichen Voraussetzungen an. Auch die Frage, ob jemand mobil ist oder eher im Bett liegt, ist wichtig, weil davon die passende Beutelversorgung abhängt.

Auch beim ISK beziehungsweise intermittierenden Katheterismus ist eine individuelle Beratung wichtig, weil die Versorgung sicher gehandhabt werden muss und nicht in jedem Versorgungsumfeld gleich häufig vorkommt.

Ein weiteres Thema sind Wechselintervalle und Hygiene. Urinbeutel sollten regelmäßig gewechselt werden. Was mir gerade bei älteren Menschen immer wieder begegnet: Einmalprodukte werden manchmal noch wie früher ausgespült, aufgehängt und wiederverwendet. Da braucht es viel Aufklärung.

Produkte müssen aus hygienischen Gründen entsprechend regelmäßig gewechselt werden. Passiert das nicht, kann es bei Kondom-Urinalen zu Hautirritationen oder Pilzinfektionen kommen. Im ableitenden Bereich, insbesondere bei Dauerkathetern, besteht außerdem die Gefahr von Harnwegsinfekten, wenn nicht hygienisch oder aseptisch gearbeitet wird.

6. Woran können Pflegekräfte oder Angehörige erkennen, dass die bisherige Versorgung für Inkontinenzprodukte überprüft werden sollte?

Ulrike Podzus:
Ein klares Zeichen ist, wenn die Inkontinenzprodukte nicht mehr das leistet, was sie sollen. Wenn sich die betroffene Person nicht sicher fühlt oder Urin ausläuft, besteht Handlungsbedarf. Dann sollte überprüft werden, ob die Versorgung angepasst werden muss.

Inkontinenz bleibt nicht immer gleich. Es gibt verschiedene Umstände, die dazu führen können, dass sich der Schweregrad verändert. Dann braucht es möglicherweise andere Inkontinenzprodukte oder eine andere Versorgungsform.

Bei aufsaugenden Produkten kann zunächst über einen Produktfinder oder eine Bemusterung geschaut werden, welches Produkt geeignet ist. Bei ableitenden Inkontinenzprodukten ist die Beratung eher individuell. Hier müssen Fragen zur Indikation, Mobilität und zum Alltag der betroffenen Person geklärt werden.

7. Was sollten Angehörige im Umgang beachten, damit Betroffene möglichst selbstbestimmt und angemessen versorgt bleiben?

Ulrike Podzus:
Selbstständigkeit zu erhalten, ist ein sehr hohes Gut. In der Inkontinenzversorgung hängt das aber stark von den Voraussetzungen der betroffenen Person ab.

Bei einer leichteren Inkontinenzform ist eine selbstständige Versorgung eher möglich. Das gilt zum Beispiel für Einlagen oder Pants. Wenn stärkere aufsaugende Inkontinenzprodukte wie Vorlagen eingesetzt werden, wird das Handling schwieriger. Sie müssen richtig angelegt und mit Fixierhosen kombiniert werden. Dafür braucht es eine gewisse Fingerfertigkeit und auch kognitive Fähigkeiten.

Bei Urinalkondomen und Beutelversorgung ist es ähnlich. Entscheidend ist, ob die betroffene Person kognitiv in der Lage ist, die Versorgung selbstständig durchzuführen, und ob die nötige Fingerfertigkeit vorhanden ist oder ob gegebenfalls Angehörige unterstützen können. Ein Urinalkondom muss korrekt angewendet werden können. Nach meiner Erfahrung wird diese Versorgung häufig durch Dritte übernommen, aber es gibt auch Menschen, die sie selbstständig handhaben.

Auch beim ISK spielt die Frage eine Rolle, ob die betroffene Person die Versorgung selbst handhaben kann oder Unterstützung benötigt. Im Homecare-Bereich gibt es Kundinnen und Kunden, die damit umgehen können; im vollstationären Bereich begegnet mir diese Versorgungsform allerdings eher selten.

Jüngere Betroffene sind dabei oft eher in der Lage, sich selbst zu versorgen. Ältere Menschen tun sich teilweise schwerer, gerade wenn die Fingerfertigkeit nachlässt. Angehörige sollten deshalb nicht nur auf das Produkt achten, sondern auch darauf, was die betroffene Person realistisch selbst leisten kann und wo Unterstützung notwendig ist.

8. Wie sprechen Sie sensible Themen wie Geruch, Scham oder Angst vor Auslaufen in Beratungsgesprächen an?

Ulrike Podzus:
Inkontinenz ist heute schon deutlich stärker aus der Tabuzone herausgekommen als früher. Das liegt auch daran, dass Inkontinenzprodukte inzwischen sichtbarer sind, zum Beispiel in Drogerien oder Supermärkten. Trotzdem bleibt es für Betroffene ein sensibles Thema. Wer selbst betroffen ist, hat oft Scham oder Angst, dass andere etwas bemerken.

Ich versuche, mit der richtigen Anwendung der Inkontinenzprodukte entgegenzuwirken. Die Qualität ist heute viel besser. Früher gab es Folien, die Geräusche gemacht haben. Heute sind andere Materialien im Einsatz und aufsaugende Produkte haben Superabsorber, die Urin binden und Geruch bis zu einem gewissen Maß neutralisieren.

Bei Urinalkondomen ist die Angst oft groß, ob wirklich alles hält. Ich spreche diese Möglichkeit trotzdem an, wenn die Rahmenbedingungen passen. Es ist eine schöne nicht-invasive Versorgung. Manchmal kann man sie auch zunächst für die Nacht versuchen. Es scheitert aber manchmal an den Rahmenbedingungen, etwa an Anatomie, Demenz, Unruhe oder Manipulation am Produkt.

Auch der ISK gehört zu den ableitenden Versorgungsformen, bei denen Beratung Sicherheit geben kann. Gerade weil die Anwendung im Alltag gut verstanden und sicher umgesetzt werden muss, ist es wichtig, offen über Unsicherheiten zu sprechen.

9. Inkontinenzprodukte Beratung und Versorgung: Was hat sich aus Ihrer Sicht seit Ihren ersten Berufsjahren verändert?

Ulrike Podzus:
Es hat sich enorm viel geändert. Die Inkontinenzprodukte sind qualitativ hochwertiger geworden, die Saugleistung ist besser und es ist für Kundinnen und Kunden angenehmer, sie zu tragen. Auch atmungsaktive Materialien haben dazu beigetragen, dass Hautirritationen zurückgegangen sind.

Das Inkontinenzprodukte Portfolio ist viel größer geworden. Man kann heute viel individueller beraten, je nachdem, was benötigt wird. Gleichzeitig bleiben die Wirtschaftlichkeit unter anderem bei Pauschalen der Krankenkassen eine Herausforderung. Gerade bei speziellen Produkten oder höherem Saugsegment kommt man mit dem Budget nicht immer hin.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass eine individuelle, angemessene Versorgung für jeden möglich ist, ohne dass Betroffene tief ins eigene Portemonnaie für die Inkontinenzprodukte greifen müssen.

10. Fazit: Gute Inkontinenzversorgung braucht Beratung und individuelle Anpassung

Inkontinenzprodukte sind keine Standardlösung. Ob ISK, Urinalkondom, Dauerkatheter, Beinbeutel, Bettbeutel oder aufsaugende Produkte: Entscheidend ist, dass die Versorgung zur betroffenen Person passt. Dazu gehören die körperlichen Voraussetzungen, die Mobilität, die Fingerfertigkeit, die kognitiven Fähigkeiten und der Alltag zu Hause oder in der Pflegeeinrichtung.

Ulrike Podzus macht deutlich: Beratung ist besonders wichtig, wenn Unsicherheiten bestehen, Produkte nicht zuverlässig funktionieren oder sich die Inkontinenzsituation verändert. Gerade bei der Inkontinenzversorgung lohnt sich der genaue Blick auf Anwendung, Hygiene und Wechselintervalle. So kann Versorgung Sicherheit geben, Scham reduzieren und dazu beitragen, Selbstständigkeit so weit wie möglich zu erhalten.

 

 

Ebenso interessant: 

Newsletter